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PAPST FRANZISKUS

FRÜHMESSE IM VATIKANISCHEN GÄSTEHAUS "DOMUS SANCTAE MARTHAE"

 

Wer beim Volk Ärgernis erregt

 Freitag, 21. November 2014

 

aus: L'Osservatore Romano, Wochenausgabe in deutscher Sprache, Nr. 50, 12. Dezember 2014

 

Gemeindepfarrer und Laien, die seelsorgerische Verantwortung tragen, müssen »den Tempel sauber halten« und »alle Menschen so empfangen, als ob sie Maria wären«. Sie müssen sich davor hüten, »beim Gottesvolk Skandal zu erregen, zum Ärgernis zu werden« und es vermeiden, die Kirche in einen »Geldumschlagplatz« zu verwandeln, »denn das Heil ist unentgeltlich«. So lautete die Empfehlung, die der Papst am Freitag, 21. November, dem Gedenktag Unserer Lieben Frau in Jerusalem, im Lauf der Frühmesse aussprach, die er in der Kapelle des Hauses Santa Marta feierte.

»Die Geste Jesu im Tempel« – der, wie Lukas in seinem Evangelium (19.45-48) schreibt, »begann, die Händler hinauszutreiben« – ist Papst Franziskus zufolge »eine regelrechte Reinigungszeremonie des Tempels«. Das Volk Israel »kannte diese Zeremonien: es musste den Tempel sehr oft reinigen, nachdem er profaniert worden war.« Der Papst erinnerte daran, dass es genüge, »an die Zeiten des Nehemia« zu denken, beim Wiederaufbau des Tempels.« Es habe »stets Eifer geherrscht bei den Dingen, die das Haus Gottes betrafen, denn der Tempel war für sie wirklich die Wohnstatt Gottes, er war ›heilig‹, und wenn er geschändet wurde, dann musste er wieder gereinigt werden.« Also »nimmt Jesus in diesem Augenblick eine Reinigungszeremonie vor«, so bekräftigte der Papst, der in sehr vertraulichem Ton hinzufügte: »Ich habe heute daran gedacht, welch großer Unterschied zwischen diesem Jesus besteht, der ein Eiferer für die Herrlichkeit Gottes ist, der mit der Hand die Peitsche schwingt, und jenem zwölfjährigen Jesus, der mit den Schriftgelehrten disputierte: wie viel Zeit vergangen ist, und wie sich die Dinge geändert haben!« In der Tat »vollbringt Jesus, getrieben vom Eifer für die Herrlichkeit des Vaters, diese Geste, diese Reinigungszeremonie: der Tempel war profaniert worden.« Aber »nicht nur der Tempel: zusammen mit dem Tempel war auch das Volk Gottes durch die schwere Sünde profaniert worden, die der Skandal, das Ärgernis darstellt.«

Mit ständigem Bezug auf diese biblische Geschichte bekräftigte Franziskus, dass »das Volk gut ist, es ging in den Tempel, es achtete nicht auf diese Dinge: es suchte Gott, es betete.« Aber »es musste Geld wechseln, um opfern zu können, und sie taten das dort.« »Das Volk Gottes« sei gerade zu dem Zweck, Gott zu suchen, »in den Tempel gegangen; nicht wegen dieser Menschen, die dort Handel trieben.« Die Menschen »gingen Gottes wegen in den Tempel.« Und »dort herrschte die Korruption, die in den Augen des Volkes ein Skandal war.« In diesem Kontext erinnerte der Papst an »eine sehr schöne Szene in der Bibel«, die auch zum Fest der Darstellung Marias passe: »Als die Mutter des Samuel in den Tempel ging, da betete sie um eine Gnade für ihren Sohn. Und sie murmelte leise ihre Gebete. Der Priester, ein alter Mann, der Ärmste, aber sehr korrupt«, sagte zu ihr, »dass sie betrunken sei«. Gleichzeitig hätten »seine beiden Söhne, die Priester waren, die Menschen ausgebeutet, die Pilger ausgebeutet, sie hätten beim Volk Ärgernis erregt: die Sünde des Ärgernisses.« Aber diese Frau »hat in aller Demut, statt diesem Priester kräftig die Meinung zu sagen, erklärt, was sie quälte.« So habe »inmitten der Korruption in diesem Augenblick die Heiligkeit und Demut des Volkes Gottes« geherrscht.

Denken wir etwa daran, so fuhr der Papst fort, »wie viele Leute Jesus dabei zuschauten, als er mit der Peitsche diese Reinigung vornahm.« Lukas schreibe: »das ganze Volk hing an ihm und hörte ihn gern«. Gerade angesichts dieser Geste Jesu »denke ich an das Ärgernis«, so bekräftigte Franziskus, »das wir beim Volk mit unserem Verhalten hervorrufen können, mit unseren alles andere als priesterlichen Gewohnheiten im Tempel: dem Ärgernis des Handels, dem Skandal der Weltlichkeit.« In der Tat: »Wie oft sehen wir, wenn wir eine Kirche betreten, auch heute noch eine Preisliste aushängen: Taufe, Segen kosten soundso viel; Messintentionen kosten soundso viel…« Und »beim Volk erregt das Ärgernis.« Der Papst erzählte auch eine Begebenheit, die er ganz persönlich miterlebt hatte: »Einmal, unmittelbar nach meiner Priesterweihe, war ich zusammen mit einer Gruppe von Universitätsstudenten und einem Paar von Verlobten, die heiraten wollten. Sie waren in die Pfarrei gegangen, sie wollten im Rahmen einer Messe heiraten.

Und dort sagte der Gemeindesekretär zu ihnen: Nein, nein, das geht nicht – Aber warum geht das nicht in der Messe? Wo doch das Konzil empfiehlt, es immer im Rahmen einer Messe zu tun? – Nein, nein, das geht nicht, denn mehr als zwanzig Minuten Zeit ist nicht – Aber warum? Weil dann die nächste Schicht an der Reihe ist – Aber wir wollen es in der Messe! – Nun, dann zahlt ihr eben zweimal!« So »haben sie, um im Rahmen der Messe heiraten zu können, den doppelten Preis entrichtet.« Das, so bekräftigte der Papst, »ist die Sünde des Ärgernisses.« Und »wir wissen, was Jesus zu denen sagt, die der Grund für das Ärgernis sind: Es ist besser, ins Meer geworfen zu werden.«

Es ist unbestreitbar: »Wenn die, die im Tempel sind – ob das nun Priester, Laien, die Sekretäre, die im Tempel mit der Pastoral des Tempels befasst sind – zu Geschäftemachern werden, dann erregt das beim Volk Ärgernis.« Und »wir sind dafür verantwortlich, aber auch die Laien sind es: alle.« Denn, so erläuterte Franziskus, »wenn ich sehe, dass man das in meiner Gemeinde tut, dann muss ich den Mut aufbringen, das dem Pfarrer ins Gesicht zu sagen«, sonst »leiden die Menschen unter diesem Ärgernis.« Und es »ist kurios«, so fügte der Papst hinzu, dass »das Volk Gottes dazu imstande ist, seinen Priestern zu vergeben, wenn sie eine Schwäche haben, wenn sie auf einer Sünde ins Schlittern kommen.« Aber »es gibt zwei Dinge, die das Volk Gottes nicht verzeihen kann: Wenn ein Priester am Geld hängt und wenn ein Priester die Menschen schlecht behandelt.

Dann bringen sie es nicht fertig«, das Ärgernis »des Hauses Gottes zu verzeihen«, das zu einem »Umschlagplatz für Geschäfte« werde. Gerade so, wie es »bei dieser Hochzeit« geschehen sei: man mietete die Kirche »für die einfache oder doppelte Miete…« An dieser Bibelstelle sage Lukas nicht, dass Jesus »wütend« sei. Vielmehr verspüre Jesus »Eifer für das Haus Gottes, das ist es: es ist noch mehr als Wut.« Aber, so fragte sich der Papst, »warum verhält sich Jesus so? Er hatte es bereits früher gesagt, und er wiederholt es hier auf andere Art: Man kann nicht zwei Herren dienen. Entweder verehrt man den lebendigen Gott, oder man verehrt das Geld, den Mammon.« Und »hier ist das Haus Gottes zu einem Haus der Geschäfte geworden: es herrschte wirklich der Kult des Geldes«. Jesus hingegen sage: »In der Schrift steht: Mein Haus soll ein Haus des Gebetes sein. Ihr aber habt daraus einer Räuberhöhle gemacht.« Somit »unterscheidet er die beiden Dinge ganz klar.«

Also »kann man nicht zwei Herren dienen: Gott ist absolut.« Aber es ergebe sich noch eine weitere Frage: »Weshalb hat Jesus etwas gegen das Geld, warum hat er etwas gegen den Mammon?« Deshalb, so antwortete Franziskus, weil »die Erlösung unentgeltlich ist: die Unentgeltlichkeit Gottes.« In der Tat komme Jesus, »um uns die völlige Unentgeltlichkeit der Liebe Gottes zu bringen.« Daher »sagt man dann, wenn die Kirche oder Kirchen zu Geschäftemachern werden, dass die Erlösung nicht ganz unentgeltlich ist.« Und gerade »deshalb nimmt Jesus die Peitsche in die Hand, um im Tempel diesen Reinigungsritus vorzunehmen.«

Der liturgische Gedenktag Unserer Lieben Frau in Jerusalem regte den Papst zu einem Gebet an. Indem er daran erinnere, dass die allerseligste Jungfrau den Tempel als »einfache Frau« betreten habe, sprach Franziskus den Wunsch aus, dass das »uns alle – alle Pfarrer, uns alle, die wir pastorale Verantwortung tragen – lehre, den Tempel sauber zu halten« und »die Menschen, die kommen, so liebevoll zu empfangen, als ob jeder einzelne von ihnen die Muttergottes wäre.«

 



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