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PAPST FRANZISKUS

FRÜHMESSE IM VATIKANISCHEN GÄSTEHAUS "DOMUS SANCTAE MARTHAE"

 

Im Reich Gottes mit gerade einmal einem halben Euro in der Tasche

 Donnerstag, 13. November 2014

 

aus: L'Osservatore Romano, Wochenausgabe in deutscher Sprache, Nr. 48, 28. November 2014

 

Das Reich Gottes ist bereits angebrochen in der verborgenen Heiligkeit des alltäglichen Lebens mancher Familien, die gerade noch mit einem halben Euro in der Tasche am Monatsende ankommen. Die aber nicht der Versuchung nachgeben, zu meinen, dass das Reich Gottes nichts weiter wäre als ein Spektakel. Etwa so wie jene Leute, die das Sakrament der Ehe zur Karikatur machen, indem sie es in einen Jahrmarkt der Eitelkeiten und des Gesehen-Werdens verwandeln. So forderte Papst Franziskus zu neuem Einsatz auf, um den Glauben Tag für Tag beharrlich zu leben und dem Heiligen Geist in der Stille, in Demut und in der Anbetung freie Hand zu lassen. Er tat dies, indem er in der Frühmesse, die er am 13. November in der Kapelle des Hauses Santa Marta feierte, auf die wahren Merkmale des Reiches Gottes hinwies.

Gerade die Tatsache, dass Jesus so oft über das Reich Gottes gesprochen habe, habe auch die Pharisäer »neugierig« gemacht. So sehr, dass sie – wie dem Tagesevangelium aus Lk 17,20-25 zu entnehmen war – ihn gefragt hätten: »Aber wann kommt denn nun dieses Reich Gottes?« Als wollten sie sagen: »Du redest und redest, aber…« Und »Jesus antwortet sofort und ganz eindeutig: Das Reich Gottes kommt nicht so, dass man es an äußeren Zeichen erkennen könnte. Man kann auch nicht sagen: Seht, hier ist es!, oder: Dort ist es! Denn: Das Reich Gottes ist schon mitten unter euch.«

Franziskus bemerkte dazu: »Wenn Jesus in den Gleichnissen erläuterte, wie das Reich Gottes beschaffen ist, hat er stets friedliche, ruhige Worte« gebraucht und sich »auch einiger Bilder bedient, die sagten, dass das Reich Gottes verborgen ist«. So habe Jesus das Reich etwa mit »einem Kaufmann, der überall nach kostbaren Perlen sucht«, verglichen, oder mit »einem anderen Mann, der in der Erde nach einem verborgenen Schatz sucht«. Oder er habe gesagt, dass es »wie ein großes Fischernetz, das alle einfängt, oder wie ein winzig kleines Senfkorn« sei, aus dem »dann ein großer Baum« wachse. Und weiter habe er auch gesagt, dass »das Reich Gottes wie der Weizen ist: man sät ihn aus, und du weißt nicht, ob er wachsen wird«, denn »Gott schenkt das Wachstum.«

Im Hinblick auf das Reich Gottes habe Jesus erklärt, dass es »immer in der Stille, aber auch im Kampf« wachse. Und er habe es noch deutlicher gemacht: »Das Reich Gottes wächst wie der Weizen, umgeben nicht von schönen Dingen, sondern umgeben von Unkraut. Aber das Reich ist da, es zieht keine Aufmerksamkeit auf sich, es ist still und leise.«

Kurz, so präzisierte der Papst, »das Reich Gottes ist kein Spektakel«. Und gerade »das Spektakel ist oftmals eine Karikatur des Reiches Gottes«. Tatsächlich dürfe man niemals »vergessen, dass dies eine der drei Versuchungen Jesu war«. In der Wüste werde zu Jesus gesagt: »Steige auf die Terrasse des Tempels und stürze dich herab, und alle werden glauben! Veranstalte ein Spektakel!« »Das Reich Gottes hingegen ist still, es wächst im Inneren; der Heilige Geist lässt es dank unserer Bereitschaft auf unserem Boden wachsen, den wir dafür vorbereiten müssen.« Aber es »wächst langsam, in der Stille«. In der Erzählung des Lukasevangeliums habe Jesus diesen Aspekt noch weitergeführt mit seiner Frage: »Und ihr, wollt ihr das Reich Gottes sehen? « Und er habe erläutert: »Und wenn man zu  euch sagt: Dort ist es! Hier ist es!, so geht nicht hin, und lauft nicht hinterher! Denn wie der Blitz von einem Ende des Himmels bis zum andern leuchtet, so wird der Menschensohn an seinem Tag erscheinen.« Ja, fügte Franziskus hinzu, »es wird ganz plötzlich erscheinen, es ist in unserem Inneren«. Aber »ich denke daran, wie viele Christen das Spektakel der Stille des Reichs Gottes vorziehen«.

In diesem Zusammenhang regte der Papst dazu an, anhand einiger einfacher Fragen eine kurze Gewissensprüfung vorzunehmen, um nicht in die Versuchung des Spektakels zu fallen: »Bist du Christ? Ja! Glaubst du an Jesus Christus? Ja! Glaubst du an die Sakramente? Ja! Glaubst du, dass Jesus da ist und dass er jetzt hierher kommt? Ja, ja, ja!« Wenn das der Fall sei, so schloss Franziskus: »Warum gehst du dann nicht hin, um ihn anzubeten? Warum gehst du nicht zur Messe, warum gehst du nicht zur Kommunion? Warum näherst du dich nicht dem Herrn«, damit sein Reich in dir ›wachsen‹ kann? Im Übrigen sage »der Herr niemals, dass das Reich Gottes ein Spektakel ist«. Gewiss es sei »ein Fest, aber es ist anders! Es ist ein wunderschönes Fest, ein großes Fest. Und der Himmel wird ein einziges Fest sein, aber kein Spektakel.« »Unsere menschliche Schwachheit« hingegen »zieht das Spektakel vor«.

Und genau das geschehe mitunter »bei der Feier einiger Sakramente«, so der Papst, besonders wenn man an die Hochzeiten denke. Man müsse sich daher fragen: »Aber sind diese Leute – ich weiß nicht, ob das auch hier geschieht, aber ich denke an meine Heimat – gekommen, um ein Sakrament zu empfangen, ein Fest zu feiern wie in Kana in Galiläa, oder sind sie gekommen, um ein Mode-Spektakel zu veranstalten, gesehen zu werden, ein Spektakel der Eitelkeit?« So seien wir also »einer ständigen Versuchung ausgesetzt: nicht zuzulassen, dass das Reich Gottes in der Stille kommt«. Aber Jesus sage im Lukasevangelium: »Der Tag, der Aufsehen erregen wird, wird das tun, wie der Blitz von einem Ende des Himmels bis zum anderen leuchtet: so wird der Menschensohn an seinem Tag erscheinen, dem Tag der lautes Aufsehen erregen wird.«

Das genaue Gegenteil des Spektakels sei »die Beharrlichkeit zahlreicher Christen, die ihre Familie ernähren: Männer, Frauen, die sich um die Kinder kümmern, die sich um die Großeltern kümmern, die am Monatsende mit gerade einmal einem halben Euro in der Tasche ankommen, die aber beten.« Und das Reich Gottes »ist dort, verborgen in dieser Heiligkeit des alltäglichen Lebens, dieser Heiligkeit aller Tage«. Denn »das Reich Gottes ist nicht fern von uns, es ist nah«. Eben die »Nähe ist eine der Merkmale« des Reiches Gottes. Eine Nähe, die auch bedeute: »Tag für Tag«. Aus diesem Grunde »vertreibt Jesus das spektakuläre Bild des Reiches Gottes aus der Vorstellung der Jünger«. Und »wenn er über das Zeitenende sprechen will, wenn er in seiner Herrlichkeit kommen wird, am Jüngsten Tag, dann sagt er: Wie der Blitz von einem Ende des Himmels bis zum andern leuchtet, so wird der Menschensohn an seinem Tag erscheinen. Vorher aber muss er vieles erleiden und von dieser Generation verworfen werden.«

Also gehöre zum Reich Gottes »auch das Leiden, das Kreuz; das alltägliche Kreuz des Lebens, das Kreuz der Arbeit, der Familie«, das Kreuz, »die Dinge gut zu tun und weiterzubringen, dieses kleine alltägliche Kreuz, die Ablehnung«. So sei »das Reich Gottes demütig, wie der Same: demütig, aber groß durch die Kraft des Heiligen Geistes«. Und »unsere Aufgabe besteht darin, es in uns wachsen zu lassen, ohne uns zu rühmen. Zuzulassen, dass der Geist kommt, unsere Seele verwandelt und uns voranbringt in der Stille, im Frieden, in der Ruhe, in der Nähe zu Gott, zu den anderen Menschen, in der Anbetung Gottes, ohne jedes Spektakel.«

Franziskus schloss mit der Aufforderung, »den Herrn um die Gnade« zu bitten, »dass wir uns um das Reich Gottes kümmern, das in unserem Inneren und mitten in unseren Gemeinschaften ist: im Gebet, in der Anbetung, im Dienst der Nächstenliebe, in aller Stille.«

 



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