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PAPST FRANZISKUS

FRÜHMESSE IM VATIKANISCHEN GÄSTEHAUS "DOMUS SANCTAE MARTHAE"

 

Lackierte Christen 

 Freitag, 7. November 2014

 

aus: L'Osservatore Romano, Wochenausgabe in deutscher Sprache, Nr. 47, 21. November 2014

Es gibt Menschen, die nur dem Vornamen nach Christen sind, deren Nachname aber »Weltlich « lautet. Es sind »mit ein paar Pinselstrichen Lack übermalte Heiden«, auch wenn sie uns, wenn wir ihnen jeden Sonntag bei der Messe begegnen, wie Christen vorkommen. In Wirklichkeit aber sind sie nach und nach der Versuchung der »Mittelmäßigkeit« erlegen, so dass sie nun »voller Stolz und Hochmut« auf die irdischen Dinge schauen, nicht aber »auf das Kreuz Christi«. Vor dieser Versuchung warnte der Papst im Verlauf der Frühmesse, die er am 7. November in der Kapelle des Hauses Santa Marta feierte.

In seiner Meditation bezog sich Franziskus auf die Stelle aus dem Brief des Paulus an die Philipper (3,17-4,1), »seine meistgeliebten Jünger«, wo der Apostel sie als »meine geliebten Brüder, nach denen ich mich sehne, meine Freude und mein Ehrenkranz« bezeichnet. Und sie dazu auffordert, »die einen nachzuahmen, andere aber nicht nachzuahmen«, wobei er empfiehlt: »Achtetauf jene, die nach dem Vorbild leben, das ihr an uns habt! Ahmt diese nach, die Christen, die weitergehen im Leben des Glaubens, im Leben des Dienstes, in der Kirche. Aber ahmt nicht jene  anderen nach!« Dem Text sei klar zu entnehmen, so erläuterte der Papst, dass Paulus von diesem Problem bereits bei anderen Gelegenheiten gesprochen habe, denn er füge hinzu: »Denn viele – von denen ich oft zu euch gesprochen habe, doch jetzt unter Tränen spreche – leben als Feinde des Kreuzes Christi. Ahmt diese nach, aber nicht jene!« Und trotzdem, so fuhr der Papst fort, »befanden sich beide Gruppen in der Kirche. Alle gingen sonntags zusammen in die Kirche, lobten den Herrn, nennen sich Christen und taufen ihre Kinder.« Aber »worin bestand dann der Unterschied?«

Paulus sei in dieser Hinsicht ganz eindeutig und empfehle den Philippern: »Die anderen sollt ihr nicht einmal ansehen! Weshalb? Weil sie als Feinde des Kreuzes Christi leben! Christen, die Feinde des Kreuzes Christi sind!« In der Tat stehe in dem Brief: »Ihr Ruhm besteht in ihrer Schande; Irdisches haben sie im Sinn.« Im Grunde, so erläuterte Franziskus, seien sie »weltliche Christen, Christen nur dem Namen nach, mit zwei oder drei christlichen Zügen, aber nichts weiter«. Sie seien »heidnische Christen«. Sie seien »dem Namen nach Christen, führen aber ein heidnisches Leben«, oder, um es anders zu formulieren: »Heiden, die mit zwei Pinselstrichen mit dem Lack des Christentums übermalt sind. So scheinen sie Christen zu sein, aber sie sind Heiden!« Der Papst wollte präzisieren, dass es »diese Leute, unsere Brüder«, nicht nur zu Zeiten des Paulus gab. Auch heut, so warnte er, »gibt es noch viele von dieser Sorte«. Deshalb müssten auch wir selbst »aufpassen, dass wir nicht in Richtung jenes Weges abdriften, die diese heidnischen Christen eingeschlagen haben, diese Schein-Christen«. In Wirklichkeit »ist die Versuchung, sich an die Mittelmäßigkeit zu gewöhnen – die Mittelmäßigkeit dieser Art von Christen – gerade das, was sie ruiniert, denn das Herz kühlt ab, sie werden lauwarm«. Aber »der Herr sagt ein starkes Wort zu den lauen Menschen: ›Weil du aber lau bist, will ich dich aus meinem Mund ausspeien.‹ « Diese Menschen, so bekräftigte der Papst, »sind Feinde des Kreuzes Christi: Sie sind dem Namen nach Christen, aber sie entsprechen den Anforderungen des christlichen Lebens nicht.«

Er führte diese Vorstellung noch weiter aus: »Paulus erläutert dies noch ausführlicher und spricht von der ›Bürgerschaft‹«, wobei er betone: »Unsere Bürgerschaft ist im Himmel.« Dagegen präzisiere der Apostel, dass die Bürgerschaft der Feinde des Kreuzes ausschließlich »irdischer Natur« sei: »Sie sind Bürger der Welt, nicht des Himmels. « Und ihr »Nachname« laute »Weltlich«. Eben das sei der Grund dafür, dass Paulus nachdrücklich empfehle: »Nehmt euch vor ihnen in acht!« Gerade weil dies ein Problem sei, das keineswegs nur auf die Philipper zur Zeit des Paulus beschränkt gewesen sei, regte der Papst eine Reihe ganz konkreter Fragen an, die man in einer Gewissensprüfung an sich selbst stellen solle: »An diesem Punkt muss ein jeder von uns – auch ich! – sich fragen: Habe auch ich etwas von diesen Leuten? Habe auch ich etwas Weltlichkeit in mir? Etwas Heidnisches? Gebe ich gerne an? Liebe ich das Geld? Bin ich stolz, bin ich hochmütig? Wo sind meine Wurzeln, wo bin ich Bürger? Im Himmel oder auf der Erde? In der Welt, oder im Geist der Welt?« In der Tat, so erläuterte er, indem er weiter Paulus zitierte, »unsere Bürgerschaft ist im Himmel, und von dort aus erwarten wir als Retter Jesus Christus, den Herrn.« Und die Bürgerschaft der Feinde des Kreuzes? Der Apostel erwidere, dass »ihr Ende das Verderben ist«. Also »werden diese lackierten Christen ein schlimmes Ende nehmen«. Es sei wichtig, so fuhr der Papst fort, auf das Ende zu schauen, um zu sehen, »wohin dich diese Bürgerschaft bringt, die du in deinem Herzen hast«: die »weltliche Bürgerschaft stürzt dich in den Ruin; die des Kreuzes Christ hingegen führt dich zur Begegnung mit ihm«, die »so schön  ist«.

Aber wie könne man sich klar werden, ob man in Richtung der Weltlichkeit abdrifte, in Richtung der weltlichen Bürgerschaft? Franziskus hob zunächst hervor, dass es sich dabei um »einen Prozess« handle, »der in unserem Inneren « ablaufe. Es handle sich um »eine Versuchung: man treibt in Richtung der Weltlichkeit«. Die Anzeichen, um zu verstehen, was für einer Sache wir da entgegengingen, so der Papst, »finden sich in deinem Herzen: Wenn du das Geld liebst und an ihm hängst, oder an der Eitelkeit und am Stolz, dann gehst du in Richtung des schlechten Weges. Wenn du dich hingegen bemühst, Gott zu lieben, den anderen zu dienen, wenn du sanftmütig bist, wenn du dich als Diener der anderen verstehst, dann bist du auf dem guten Weg.« Und dann »ist deine Bürgerurkunde gut: sie gehört zum Himmel.« Dagegen sei »die andere eine Bürgerschaft, die dir zum Verhängnis wird«. Es sei gerade das, »worum Jesus im Gespräch, das er mit seinen Jüngern führte, den Vater inständig bat: er bat ihn darum, sie vor dem Geist der Welt zu bewahren, vor dieser Weltlichkeit, die ins Verderben führt.« Im Philipperbrief »spricht Paulus dann über die Verklärung«. Er schreibe: »Jesus Christus, der unseren armseligen Leib verwandeln wird in die Gestalt seines verherrlichten Leibes.« Und so würden »die, die auf dem Weg Jesu gehen, in Demut, Sanftmut und im Dienst für den Nächsten, im Gebet, in der Anbetung, in der Herrlichkeit verklärt werden. Aber auch die anderen werden  sich verwandeln.« Paulus sei diesbezüglich ganz »klar und eindeutig«, wenn er sage: »Hütet euch vor dem Geist der Weltlichkeit.« Denn, so unterstrich der Papst, »man fängt mit ganz wenig an, dann setzt man sich langsam in Bewegung, und es ist ein Weg, den man ohne jede Mühe gehen kann. Er bringt dich ganz von alleine voran.« Dafür lege auch der Verwalter Zeugnis ab, von dem Lukas im Tagesevangelium spreche (16,1-8).

Franziskus fragte: »Wie ist dieser Verwalter so weit gekommen, dass er unredlich wurde, dass er seinen Herrn beraubte? Wie gelangte er an diesen Punkt, von einem Tag auf den anderen? Nein! Ganz allmählich.« Vielleicht, indem er »an einem Tag hier ein Trinkgeld, am andern Tag da ein Bestechungsgeld « austeilte, »und so gelangt man nach und nach zur Korruption«. Denn »der Weg der Weltlichkeit dieser Feinde des Kreuzes Christi sieht genau so aus, er führt dich zur Korruption! Und am Ende geht es dir so wie diesem Mann, indem du ganz offen stiehlst.« Daher habe Paulus den Philippern empfohlen: »Steht fest in der Gemeinschaft des Herrn, nach dem Vorbild, das ihr an mir habt; und lasst nicht zu, dass euer Herz und eure Seele schwach werden und im Nichts, in der Korruption enden.« Das, so schloss der Papst, »ist eine schöne Gnade, um die man bitten sollte: fest im Herrn zu bleiben. Dort wird die Verwandlung in seine Herrlichkeit stattfinden. Das wird alles sein!« Er bekräftigte, dass man heute um die Gnade bitten sollte, »fest im Herrn zu bleiben und dem Vorbild des Kreuzes Christi zu folgen: Demut, Armut, Sanftmut, Dienst am Nächsten, Anbetung, Gebet«.

 



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